„Lebensmittel sind die schwierigste Kategorie im Handel 4.0. Aber die Entwicklung kommt an.“ Karl Erivan W. Haub, Geschäftsführender und persönlich haftender Gesellschafter der Unternehmensgruppe Tengelmann in der fünften Generation, zieht den Vergleich einer Everest-Expedition heran: „Nur ganz wenige werden es schaffen“, prognostiziert er auf dem diesjährigen Symposium Feines Essen +Trinken in München.
„Lebensmittel sind nicht so einfach wie Bücher. Sie müssen schnell beim Kunden ankommen, können nicht einfach beim Nachbarn deponiert oder vor der Tür abgestellt werden.“ Man könne sie nicht bei der Post am nächsten oder übernächsten Tag oder in einer Woche abholen.
In Deutschland macht der Handel 4.0 (Internet, Social Media, Long Tail, aber auch das gute alte Telefon etc.) bei Lebensmitteln erst 5 Mrd. Euro aus, berichtet Dr. Henrik Haenecke, Geschäftsführer der Kaiser’s Tengelmann GmbH und Geschäftsführer des Lieferservices Bringmeister GmbH, der bislang seine Dienste für die Regionen Berlin, München und Düsseldorf anbietet und rund 4600 Artikel im Sortiment hat. Der online-Handel vereint in Deutschland erst 0,1 Prozent am gesamten Einzelhandelsumsatz, im Vereinigten Königreich 3,1 %, in den USA 0,9 % und – siehe da – 0,4 % in der Schweiz.
Es sind nicht nur Nerds, die ihre Pizza geliefert haben wollen. Haenecke hat als neue noch zu erschließende Zielgruppen im Blick: Singles, die abends von der Arbeit kommen, Familien, die den Stress im Laden Leid sind und die wachsende Gruppe der Silver-Surfer (Senioren). Klar sei, dass die Kunden letztendlich alles wollten – d.h. eine Auswahl an 10.000 Artikeln oder noch besser nach der Long Tail-Strategie bis 20.000 Artikeln und „Frische von der Himbeere bis zum Fisch“, Sonderangebote, intelligente Suche, Information und Inspiration. Alles müsse mit wenigen Klicks erreicht werden, der Fahrer – „ein Markenbotschafter“ – spätestens eine halbe Stunde nach der Bestellung klingeln. „Wer das schafft, da kaufen die Kunden für 100 Euro ein!“. Derzeit gebe es in Deutschland keinen Shop, dem das gelinge. „Doch die Kunden werden kommen. Aber wir müssen erst mal auf den Mount Everest.“
Auf dem Weg dorthin hat sich auch Wolfgang Otto, Geschäftsführer des Fleisch-Spezialitätenversands „Otto Gourmet“ gemacht. Er beliefert ca. 20.000 Privatkunden und rund 2500 Restaurants, davon, wie er auf dem Symposium Feines Essen + Trinken betonte, seien „neun von zehn Drei-Sterne-Häuser“ und mehr als 70 % aller Michelin-Restaurants. Seit drei Jahren ist Tengelmann an Otto Gourmet beteiligt.
Als Trends nennt Wolfgang Otto: „Die Menschen wollen Genuss, aber auch globale Verantwortung, artgerechte Haltung der Tiere. „ Und es gebe immer mehr Flexitarier, die, wenn sie Fleisch essen, größten Wert auf Premium legten. „Wir wollen den Genuss fördern und wollen, dass die Kunden den Eigengeschmack der verschiedenen Fleischsorten schätzen lernen.“ Das Unternehmen arbeite mit Züchtern bester Fleischrassen zusammen, deren Tiere im Freiland leben – „Es gibt keinen Stall!“ und ein optimales Schlachtalter erreichen. Das Fleisch werde perfekt gereift und sei zu 100 % rückverfolgbar. Es bestünden Co-Brandings mit Branchengrößen wie Poletto, Kleeberg etc.
Heinz Zurheide, Inhaber und Geschäftsführer der Frischecenter Zurheide KG, Düsseldorf, freut sich über die „größte Zielgruppe der Welt – Menschen mit Appetit!“. Den will er stillen – jedenfalls im Einzugsbereich seiner sieben Filialen. Er veranstaltet einmal jährlich ein Gourmetfestival, gibt viermal jährlich ein edles PR-Lifestyle-Magazin heraus, ist mit seinem Team nach Turin gefahren, um den Erlebniskauf bei Eataly zu erleben, hält einiges von Couponing, betreibt einen Kaffee-Blog. 27 Köche entwickeln mit den zuständigen Abteilungsleitern Artikel für die Eigenmarke Zurheide.
„Für das Ruhrgebiet sind natürlich auch die gut & günstig-Artikel der Edeka sehr wichtig. Mit der Kombination von Eigenmarken-Linie und Edeka-Artikeln haben wir im Ruhrgebiet eine Alleinstellung.“ Regelmäßig bittet der selbständige Edeka-Kaufmann zu lukullischen Veranstaltungen wie Genussfrühstück oder beispielsweise zu Gourmet-Spargelabenden. Die Reservierungen sind begehrt. In zweiwöchigem Rhythmus beraten Köche und Weinexperten an der Fleischtheke die Kunden über den richtigen Wein zum richtigen Essen. Zurheide schließt sich gerne für Aktionen mit der Industrie zusammen, so etwa – dieser Markt boomt ja nicht gerade – mit Brauereien. Eine Aktion mit Bitburger habe ein Umsatzplus in der Kategorie Bier von 6 % erbracht. Für die Zukunft ist Heinz Zurheide guter Dinge: „Der Verbraucher ist kein Armer – wir leben in einem der reichsten Länder der Welt!“
[Text und Fotos: Doris Losch]
Weitere Informationen:
www.symposium-feines-essen-und-trinken.de
