Prof. Dr. Fritz Wickenhäuser, Präsident vom Bund der Selbständigen/Deutscher Gewerbeverband (BDS/DGV), und Eigentümer des Best Western Hotel Cristal in München, bezog in einem Gespräch mit Chefredakteurin Brigitte Karch kritisch Stellung zu top aktuellen Branchenproblemen. Einige besonders gravierende Themen rücken wir an dieser Stelle in den Mittelpunkt.
[Hat die Finanzkrise der Banken die Bedingungen für die Vergabe von Krediten an die Hotellerie verändert?]
Ja, gerade für die Hotellerie wird es hier sehr kritisch. Obwohl sich die Finanzkrise in den USA primär nicht direkt auf die Kreditkonditionen deutscher Banken auswirkt, werden sich letztendlich doch bei der Neuvergabe von Krediten Negativauswirkungen für die Hotellerie ergeben.
[Inwiefern wird sich das bemerkbar machen?]
Nun, die Branchenkennziffern der Hotellerie (sog. Branchenrating), nicht bei allen Betrieben wohlgemerkt, stehen schon seit geraumer Zeit nicht zum Besten. Dadurch und zusätzlich durch die Finanzkrise gehen die Branchenkennziffern noch weiter in den Keller, obwohl es Einzelbetriebe gibt, die wirtschaftlich völlig o.k. dastehen. Kredite für notwendige Investitionen der Branche werden nun noch kritischer unter dem Stichwort Bonität vergeben.
[Was passiert da eigentlich bei so genannten Kreditweiterverkäufen?]
Wenn man zum Beispiel einen Bankkredit in Höhe von 2 Mio. Euro haben möchte, dann räumt man der Bank als Sicherheit die Grundschuld ein. Laut Kreditsicherungsgesetz hat die Bank das Recht, diesen Kredit, den sie dem Hotelier gewährt, an eine andere Bank zu verkaufen und ist damit zugleich aus dem Risiko heraus. Das Kreditinstitut ist derzeit jedoch nicht verpflichtet, den Kreditnehmer von dieser Transaktion zu informieren. Wenn der Kreditnehmer Pech hat, muss er in kriminellen Sonderfällen an beide Bankinstitute Kreditzinsen zahlen.
Wir vom Bunde der Selbständigen wehren uns seit Jahren massiv gegen diese Kreditweiterverkäufe ohne Einbindung des Kreditnehmers. Es herrscht hier eine Riesenunsicherheit, weil das Vertrauen des Kreditnehmers zum Geldinstitut empfindlich gestört wird.
[Hier drängt sich die Frage auf, wie zufrieden sind Mittelständler mit Beratern?]
Zu diesem Thema liegen die Ergebnisse unserer Mitgliederumfrage* vom Januar 2008 vor. Demnach hat nur jeder dritte Mittelständler beim Umgang mit Beratern Routine. 4 von 10 haben sich noch nie beraten lassen. Dennoch steht der Steuerberater an Topposition beim Ranking externer Helfer. Steuerberater und Rechtsanwälte genießen beim Mittelstand ein "institutionalisiertes" Vertrauen. Wenig Vertrauen herrscht dagegen zu Finanz-, Bank- und Unternehmensberatern. Ernüchternde Projekterfolge – aufgrund von Schwächen beim Auswahlverfahren und der Zielformulierung – mögen hierfür ebenso verantwortlich sein wie das Imageproblem der Beraterbranche.
[Der viel zitierte Bürokratieabbau – was bedeutet das für die Hotelbranche?]
Da ist zum einen die Doppelbelastung allein durch die verschiedenen Krankenkassen. Fast jede hat eigene Formulare, die unterschiedlich bearbeitet werden müssen. Ein Irrsinnsaufwand! Zudem schafft das seit 1. Januar 2008 geltende Unternehmenssteuergesetz großen bürokratischen Mehraufwand. Während man noch zu DM-Zeiten Waren im Nettowert von bis zu 800 DM, später von bis zu 410 Euro im Jahr der Anschaffung in voller Höhe als Betriebsausgabe vom Gewinn abziehen konnte, wurde diese Grenze im Zuge der Unternehmenssteuerreform auf 150 Euro abgesenkt. Darüber hinaus kommen diese Rechnungen bis 1500 Euro in einen so genannten Pool, wobei man die Beträge auf 5 Jahre abschreiben muss. Das Ganze zwingt zu einer komplizierten Erfassung.
[Eines der aktuell heißesten Themen dürfte ja wohl die Unternehmenserbschaftssteuer sein.]
Das ist richtig! Auch wenn zunächst ich nicht persönlich davon betroffen bin, denn meine Frau und ich haben hier im Hause Hotel Cristal alles mit unseren Kindern, insbesondere mit Tochter Kathrin, die als mehrheitsrechtliche Gesellschafterin der Cristal Betriebsgesellschaft fungiert, geregelt.
Aber so, wie das Modell des Erbschaftssteuergesetzes von der Großen Koalition derzeitig angelegt ist, handelt es sich um eine Betriebsvernichtung im großen Stil! Die zu langen Fristen wie die Möglichkeit des Verkaufs eines Betriebes erst nach 15 Jahren unveränderter Weiterführung und der insgesamt viel zu bürokratische Aufwand beinhalten ebenso böse Fallstricke wie die Festsetzung der Erbschaftssteuer am Verkehrswert des Betriebes. All dies trägt eigentlich nur dazu bei, dass jeder so schnell wie möglich seinen Betrieb verkaufen will und eine konstruktive Generationenfolge massiv erschwert wird. Aber gerade solche Überlegungen dienen ja keineswegs dazu, die Unternehmensnachfolge in familiengeführten Unternehmen langfristig zu sichern. Es wäre daher sinnvoll, dieses Gesetz ganz abzuschaffen, das wäre immer noch besser, als jede Menge von Ungerechtigkeiten herauf zu beschwören.
[Wenn ein Hotelier nicht Eigentümer sondern Pächter eines Betriebes ist, womit muss dieser im Zusammenhang mit der neuen Gewerbesteuer-Verordnumg rechnen?]
Den Pächter eines Betriebes trifft es noch schlimmer: Seit 1. Januar 2008 kommt nun auch noch die Gewerbesteuer hinzu! Die Pachtzahlungen sowie Leasing, Franchise und Dauerschuldzinsen werden als Gewinnbestandteile bewertet. Konkret heißt dies: So lange Gewinne erzielt werden, kann man auch Steuern zahlen; wenn jedoch keine Gewinne vorhanden sind, werden Pachtzahlungen wie Gewinne behandelt, auf die Gewerbesteuer zu zahlen sind. Mit diesem Gesetz wird regelrecht ein Kollateralschaden im Mittelstand, also Betriebsvernichtungen auf der ganzen Linie verursacht!
[Wie sieht es mit der Bilanzveröffentlichungspflicht aus und was halten Sie von der jüngsten KSK-Gesetzesregelung?]
Die Bilanzveröffentlichungspflicht gilt seit 1. Januar 2008, und zwar für als GmbH geführte Betriebe ab 20.000 Euro aufwärts. Diese sind verpflichtet im Internet ihre Bilanzen zu veröffentlichen. Das kostet zum einen Geld, zum anderen kann sich jedermann über den Gewinn, die Kosten und Erträge eines Betriebes informieren. Ich frage mich nur: wo bleibt da der Datenschutz?
Was nun seit kurzen seitens der Künstler Sozialkasse (KSK) auf uns zukommt, ist regelrecht hanebüchen! Die Ausdehnung des Begriffs "Künstler" - zum Beispiel auf Webdesigner – lässt nur den Schluss zu, dass die KSK verzweifelt nach Einnahmequellen sucht. Immerhin müssen Betriebe, die sich eine Website erstellen und regelmäßig von einem Webdesigner pflegen lassen, 5 Prozent der Honorare an die KSK abführen, und zwar 5 Jahre rückwirkend! Solch eine Vorgehensweise leuchtet überhaupt nicht ein!
[Zieht man ein Fazit Ihrer Ausführungen, sieht man sich inmitten nicht enden wollender Problemfelder. Bereitet es denn überhaupt noch Spaß, auch in Zukunft Hotelier zu sein?]
Aber ja doch! Der BdS/DGV ist ja dazu da, seinen Mitgliedern dabei Mut zu machen. Wir tragen mit dazu bei, die Freude am Unternehmertum und den Spaß an der Führung eines Betriebes zu vermitteln. Wir treten mit unseren Anliegen auch stark nach außen hin auf. Eine weitere Erfahrung haben wir gemacht: immer mehr junge Existenzgründer greifen auf den Erfahrungsschatz älterer Menschen zurück. Dieses Generationen übergreifende Miteinander halten wir für eine sehr positive Entwicklung!
Weitere Informationen:
<a href=http://www.bds-bayern.de target=_blank>www.bds-bayern.de</a>
(Der Link wurde am 13.04.2008 getestet.)
Auf einen Blick:
Der BDS/DGV, freiwilliger Zusammenschluss mittelständischer Unternehmer und Selbständiger in Bayern, wurde 1874 gegründet.
Präsident: Prof. Dr. Fritz Wickenhäuser
Zahl der Mitglieder: rund 22.000
Zahl der Ortsverbände: über 540
Allgemein:
Der Mittelstand stellt in Deutschland:
85 Prozent der Arbeitnehmer
70 Prozent der Auszubildenden
30 Prozent der Patente
* Studie "Beratung – Sinnvolle Hilfe oder Geldverschwendung". Ergebnisse des BDS/DGV-Stimmungstest© Bund der Selbständigen Deutscher Gewerbeverband Landesverband Bayern e.V.
Kontakt: Thomas Schörg, Telefon: 089/54056-215, Telefax: 089/5026493,
e-Mail: thomas.schoerg@bds-bayern.de
