Der Leser erfährt, wie es (vermutlich) in vielen amerikanischen Lokalen jedweder Kategorie den Kellnern ans Zeug geht. Da bleibt kein Auge trocken, da geht’s zu wie bei undiszipliniertem Kick-Boxen. Hierarchisches (Un-)Benehmen, rücksichtslos, egoistisch – ein Wettlauf um das beste, oder wenigstens um ein überlebens-notwendiges Trinkgeld. Vielfach die einzige Bezahlung, die sich Kellner im gnadenlosen Konkurrenzkampf gegenseitig abtrotzen müssen.

Der Autor, der verständlicherweise anonym bleiben will und sich hinter dem Pseudonym „Herr Ober“ versteckt, beschreibt die tägliche Tretmühle des Kellnerberufs. Die aufreibende Auseinandersetzungen mit dem rücksichtslos Leistung einfordernden Chef, die Eifersüchteleien unter den Kollegen, das Bewältigen der täglichen Routinearbeiten im Lokal.

Und dann natürlich der dicke Brocken „Gast“. Pflichtlächeln, Einstecken von Beleidigungen und Zurückstecken der eigenen Person bis hin zum Verlust der Selbstachtung. Gegenmittel wie Alkohol, Drogen oder Sex wirken nur vorübergehend betäubend – viele halten das Kellnern nicht durch, wechseln den Beruf oder suchen anderweitig ihr Heil.

Aber der Autor beschreibt - immer wieder selbstkritisch reflektierend – sehr persönlich die eigene Fehler, Unzulänglichkeiten, Fehlversuche, um beruflich Tritt zufassen (immerhin brachte er es letztendlich vom anonym bloggenden Kellner zum bekannten Autor). „Herr Ober“ versucht, sich in die Lage seiner jeweiligen Chefs hinein zu versetzen, er beschreibt deren Schwächen, lässt deren Stärken und positiven Eigenschaften aber nicht unter den Tisch fallen.

Kellnern ist auch in den USA ein sehr feinfühliges Geschäft. Gefordert sind Sensibilität und eine große Portion Menschenkenntnis, um den Aufenthalt für den Gast so angenehmen wie möglich zu machen - und für sich selbst das höchst mögliche Trinkgeld dabei herauszuholen.

Besonders anrührend und zu Herzen gehend sind zarte Schilderungen etwa über ein junges Pärchen, das sich die Speisen im Gourmet-Restaurant eigentlich nicht leisten kann. Oder das taktvoll-sanft-bestimmte Abweisen einer einstmals bekannten Geschäftsfrau, die zur Alkoholikerin wurde und die nun vergeblich um „Nachschub“ verlangt.

Das Buch schließt mit 40 hilfreichen Tipps, wie man ein guter Gast wird. KellnerInnen finden dort eine Liste mit Dingen, die man immer bei sich tragen sollte, um dem Ansturm im Restaurant stets gewappnet zu sein.

Übrigens, mit dem Buch hat sich Herr Ober einen lang gehegten Traum erfüllt. Zwar Berufswechsel, ja, bei gleichzeitig festgehaltener Retrospektive auf sein fast 10-jähriges Kellnerdasein. Und immer wieder zweifelnd, ob Schriftstellern wirklich das angestrebte Ziel ist ...?

Fazit: „Herr Ober“ legt mit seinem Buch „Die Rechnung bitte“ eine eigenwillige Hommage für das Kellnern vor. Wie weit allerdings amerikanische Verhältnisse mit europäischen Usancen vergleichbar sind – diese Schlussfolgerungen bleiben dem Leser überlassen!
[Brigitte Karch]

Herr Ober: "Die Rechnung, bitte!", Taschenbuch TB, 352 Seiten, 8,95 Euro, ISBN 978-3-426-78313-9, erschienen im Knaur TB Verlag, München.